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Urheberrecht vs. Realität

Letzte Woche habe ich eine Mail an einen der 51 Tatort-Autoren verfasst, welche sich mit einen offenen Brief in die Diskussion um das Urheberrecht im Internet einschalteten. Diese Mail veröffentliche ich nun auch hier. Antwort erhielt ich bislang nicht...


Sehr geerhter Herr H***,

Ich habe Sie stellvertretend als Mitunterzeichner des Offenen Briefes der Tatort-Autoren an drei deutsche Parteien und die Netzgemeinde wahllos herausgepickt weshalb gerade Sie nun diese Mail bekommen. Es hätte auch jeder andere sein können und ich hatte sogar zuerst Herrn A*** auserkoren, mich dann aber umentschieden, da der arme Herr A*** nur aufgrund der alphabetischen Sonderstellung seines Nachnamens derzeit ohnehin etwas mehr Post als gewöhnlich bekommen dürfte. Aus diesem Grund ist das Recht auf Anonymität auch und gerade im Internet ein so hohes Gut, und man muss dort honorieren was gesagt wird und reflektieren warum es gesagt wird und sich davon unabhängig machen zu wissen wer es sagt. 

Zu allererst möchte ich auf eine Antwort verweisen, die der CCC verfasst hat: http://ccc.de/updates/2012/drehbuchautoren
Ich bin zwar weder CCC-Mitglied, noch habe ich diese Antwort mit verfasst, aber die geschilderte Meinung kann ich durchaus teilen. Das wiederum bringt mich zu meiner eigentlichen Frage und Triebfeder dieses Schreibens: Wieso schreiben ausgerechnet Tatort-Autoren diesen Brief? Da der Tatort von den ÖR-Sendeanstalten in Auftrag gegeben ist, wird er mit der Rundfunk-Gebühr bereits durch eine Art Kulturflatrate finanziert. Man kann also wohl behaupten, dass ein Tatort innerhalb Deutschland per Definition fast nicht "raubkopiert" werden kann, da jede(r) Deutsch(e), der seine Ründfunkgebühren entrichtet, ihn bereits bezahlt hat. Ich nehme an, dass Sie für jeden Tatort den sie geschrieben haben, sicherlich auch angemessen entlohnt worden sind. Wenn nun dieser Tatort offen und unverschlüsselt gesendet wird, kann jeder ihn nach belieben empfangen und konservieren. Dies war bereits vor dem sog. digitalen Zeitalter der Fall. Niemand wäre je auf die Idee gekommen z.B. Video- oder DVD-Recorder zu verbieten. Selbst Privatkopien waren oder sind(? -ich habe hier ehrlich gesagt den Überblick verloren) ausdrücklich erlaubt. Nun will ich nicht bestreiten, dass die Vervielfältigung von medialen Inhalten durch das Internet eine andere Dimension erfahren hat; einen signifikanten Unterschied in der Substanz des Rechts und seiner Verwertung sehe ich aber gerade bei dem gebührenfinanzierten Programm der ÖR-Medien nicht.

Ich selbst würde mich wohl als Netizen bezeichnen und arbeite auch als Autor. Ich schreibe zwar keine Drehbücher sondern Software. Alles was ich dort "verfasse" entspringt meinem Geist und ist ein immaterielles Gut. Es ist beliebig kopierbar, in Teilen frei verfügbar und ich kann gut davon leben obwohl jedes Stück Software das ich schreibe, zumeist nur einmal vergütet wird und zwar vom jeweiligen Auftraggeber. Was also ist der Unterschied zwischen Ihnen als Drehbuch- und mir als Software-Autor? Ich denke der Hauptunterschied ist, dass Sie derzeit eine größere Konkurrenz fürchten müssen und Sie daher eine schwierigere Verhandlungsbasis gegenüber ihren Auftraggebern haben. An diesem Umstand ist jedoch jeder einzelne, begabte Autor, der sich und sein Werk unter Wert verkauft, schuld und nicht etwa das Kopieren bereits "verwerteter" Werke im Internet. Das ist der natürliche Kreislauf von Angebot und Nachfrage. Würden die Tatort-Autoren sich zusammenschließen um der Argumentationslinie der Auftraggeber zu widersprechen, die das Internet als Vorwand für Lohnverhandlungen missbrauchen, so würden sie ihre Kraft in die richtige Richtung kanalisieren und nicht in einer müßigen Diskussion vergeuden, die technische und soziale Realitäten verkennt. Das Internet wird sicher nicht wieder abgeschaltet und wenn man nicht einen Kontrollmechanismus von solchen Ausmaßen einführt, dass eine Stasi oder ein Orwell mit seinem 1984 geradezu als Kinkerlitzchen zu betrachten sind, dann wird auch in Zukunft immer eine technische Möglichkeit existieren digitalisierbare Güter auch "illegal" zu kopieren. Die Antwort auf diesen Umstand kann also nur entweder eine Kulturflatrate oder werbefinazierte Angebote/Mikropayment sein. Das Urheberrecht in seiner heutigen Form ist faktisch ein Auslaufmodell und alle Versuche der Besitzstandswahrung es in seiner derzeitigen Form zu erhalten und auf die aktuellen Realitäten anzuwenden werden unweigerlich in einer unverantwortbaren Einschränkung der freien Meinung münden. Für diesen Umstand gibt es mit den sog. Abmahnwellen sowie den Software- und Trivialpatentstreits bereits zwei sehr konkrete Beispiele. Ich hoffe das Schreiben des CCC (mit dessen Verlinkung ich mich nach Ihrer Logik übrigends strafbar machen würde) sowie meine Mail konnte die Ihrerseits offensichtlich missverstandene Meinung der "Netzgemeinde" ein wenig erklären und verbleibe auf Antwort bezüglich meiner Frage hoffend

mit freundlichen Grüßen
R*** P***

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Lobbyismus und Korruption par excellence und denoch wird so ein Antrag ernsthaft diskutiert anstatt die betreffenden Personen in den Knast oder wenigstens aus dem Amt zu werfen.
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